Auf den ersten Blick ist die Familie kein zentrales Thema bei Wolf Biermann. Sie kommt höchstens in einigen Liedern vor, in denen sie von einem lyrischen Ich beobachtet wird, das sich meistens zurückhält. Solche Familienbilder lassen sich in drei Kategorien einteilen: Man findet zunächst die "Idyllen", dann die "Schreckensdarstellungen" und zum Schluss die "Tragödien", die oft durch die Berliner Mauer getrennte Familien inszenieren. Diese äußere Perspektive bleibt dennoch die Ausnahme bei Biermann, der dank seines lyrischen Ichs im Wesentlichen von sich selbst sowie von seiner Beziehung zu seinen Zeitgenossen und seiner Umgebung berichtet. Auch wenn sich seine Erzählkunst keineswegs darin erübrigt, ist er selber der Ansicht, seine Lieder seien die Memoiren, deren Verfassung er sich einmal in seinen alten Tagen ersparen kann: "Man könnte sagen, ich brauche eigentlich gar nichts aufzuschreiben, denn meine Lieder sind meine Autobiografie", erklärte er 2008. Der Begriff "Familie" gewinnt allerdings eine neue Dimension, sobald man ihn als "Gemeinschaft von Gleichgesinnten" versteht. Die Erwähnung der hamburgischen Wurzeln in manchen Liedern wird durch die Thematisierung der mächtigen Bände ergänzt, die Biermann an das Proletariat, an die "Genossen", mit denen er den Glauben an den Sieg des Kommunismus teilt, binden. Kennzeichnend für den Künstler und sein Repertoire ist, dass sie dem Publikum einen Einblick sowohl in private Lebensauszüge als auch in die Entwicklungen innerhalb der sozialistischen DDR-Familie während der vier Jahrzehnte ihrer Existenz gewähren. In diesem Rahmen kann der Werdegang des biermannschen lyrischen Ichs als einen Oszillographen ostdeutscher Zustände betrachtet werden, der zwischen Identifikation und Distanzierung gegenüber der Gemeinschaft pendelt. Indem das Ich stets zwischen den Zweigen des geteilten Stammbaums Deutschland schwankt, bewährt es sich außerdem vor unseren Augen als freies Elektron per exzellenz, das eine originelle Position in der kulturellen Landschaft Deutschlands einimmt. Genau diese Position soll hier in Betracht gezogen werden in der doppelten Dynamik des elterlichen Erbes und der ewigen Entwurzelung, so wie sie Bierman seit den sechziger Jahren in Wort und Musik zum Ausdruck gebracht hat.